Mittwoch, 9. April 2008

Verlegene Schatten in der Servicewüste

Argh, heute habe ich mal wieder Bekanntschaft mit der russischen Dienstleistungsgesellschaft gemacht - wenn jemand von der "Servicewüste" Deutschland spricht, sollte er vielleicht einmal eine Woche in Russland verbringen ;-)
Eigentlich wollte ich ja nur noch schnell auf dem Heimweg einkaufen. Grundsätzlich ja kein Problem, da die meisten Geschäfte hier in Russland sehr lange geöffnet haben. Nur leider halten sich die Angestellten scheinbar nicht an die ausgeschriebenen Öffnungszeiten...
Jedenfalls hat der Supermarkt in unserem Stadtteil von 9 bis 22 Uhr geöffnet (theoretisch). Ich hatte Glück, ich kam nämlich um 21:45 an - zwei Minuten, nachdem ich drin war, wurde die Türe verschlossen. Für jeden Kunden, der den Laden verließ, wurde die Tür extra aufgesperrt - sonst könnte ja jemand auf die Idee kommen, einfach reinzugehen und womöglich noch etwas zu kaufen! Glücklicherweise konnte das durch diese drastische, aber angemessene Maßnahme erledigt werden.
Zumindest an Personalmangel scheint es nicht zu mangeln, jedenfalls springen zu jeder Tageszeit mindestens zwei Leute in schäbigen Anzügen rum, die potentiellen Taschendieben auf die Finger schauen. Ich scheine besonders verdächtig zu sein, jedenfalls habe ich oft einen Schatten, der sich sehr leicht überrumpeln lässt, wenn man abrupt die Richtung wechselt und der dann verlegen Damenbinden oder eben das nächstgelegene Regal inspiziert.
Wahrscheinlich werde ich deshalb so oft verfolgt, weil ich immer mehrmals schmunzelnd an dem wertvollen Finlandia vorbeigehe, der hier sehr teuer ist und entsprechend in einer Vitrine vor Langfingern weggesperrt ist - die 0,5 Liter Flasche übrigens.
Glück hatte ich auch, denn die Kühlregale waren ausnahmsweise gut gefüllt. Dass das nicht immer der Fall ist, hängt wohl weniger mit Warenmangel als vielmehr mit mangelhafter Logistik zusammen. Aber wie gesagt, ich habe heute eigentlich alles bekommen - sogar schwarze Schuhcreme, nachdem meine deutsche sich hier im russischen Staub sehr schnell dem Ende geneigt hat. Ich hoffe, dass meine Schuhe die Behandlung mit dieser ausgewogenen Mixtur mit verschiedenen Bienenwachsen (das verspricht zumindest die Verpackung) wohl überstehen werden...
Die nächste Hürde war dann die Kasse. Nachdem ich drüber nachgedacht habe, verstehe ich auch, warum das Geschäft so früh zugesperrt hat. Würden um 22 Uhr noch drei Kunden an der Kasse anstehen, müsste das gesamte Personal ewig Überstunden schieben, weil die guten Menschen im Schneckentempo abgefertigt werden...
Bei den ersten ein oder zwei Damen an der Kasse habe ich gedacht, dass sie vielleicht Arthritis haben, so langsam und vorsichtig haben sie die Waren vor den Scanner gezogen. Da aber nicht ALLE russischen Kassiererinnen Arthritis haben können, bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass größtmögliche Langsamkeit schlichtweg zum Berufsethos gehört.
Die Dame an der Kasse heute hatte jedenfalls für die drei Leute vor mir ca 10 bis 15 Minuten gedauert - was noch zusätzlich verlängert wurde durch den Streit, den sie mit einem Kunden vom Zaun gebrochen hat, weil er nämlich die falsche Sorte Bier gekauft hat. Ich habe nicht verstanden, warum die Sorte falsch war, aber jedenfalls hat die Kassiererin gebockt und hat das Bier unter dem Fließband versteckt, was dann zu einem furchtbaren Kasperltheater um die Flasche Bier geführt hat...
Anscheinend habe ich die richtige Sorte gekauft, oder meine mittlerweile mit Sicherheit katastrophalen Leberwerte kann man nicht in meinem Gesicht erkennen, jedenfalls habe ich meine Flasche Wodka bekommen, ohne mit meinem deutschen Pass wedeln zu müssen - was manchmal wahre Wunder wirkt (aber auch gehörig nach hinten losgehen kann).

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