
Dass die russischen Verkehrsmittel nicht unbedingt deutsche Sicherheitsstandards erreichen, habe ich mir ja schon immer gedacht. Dass selbst die Russen von der Unfallträchtigkeit ihrer Züge so überzeugt sind, habe ich nicht gedacht - anders kann ich mir aber nicht erklären, warum man vor dem Bahnhof Grabsteine verkaufen sollte!
Auf der anderen Seite ist das vielleicht die Marktlücke schlechthin - und die will hier erst einmal gefunden werden, schließlich sind Moskaus Bewohner gemeinhin sehr geschäftstüchtig. Wobei ich das ja nicht per se negativ finde, ohne die netten jungen Männer in den Metrostationen würde ich vermutlich nie an einen Bachelor in russischer Geschichte und einen Doktortitel in Slawistik kommen! Bestimmt findet sich auch jemand, der im Prüfungszeitraum zwei schöne Wochen in deutschen Hörsälen verbringen will :-)

Heute war ich außerdem noch auf dem Arbat, das ist die typische Touristenstraße, deren architektonische Vielfalt in erster Linie aus dem Neigungswinkel der verschiedenen Souvenirbuden besteht. Allerdings sind hier zu dieser Jahreszeit recht wenige ausländische Touristen unterwegs; die meisten Leute, die heute unterwegs waren, waren betuchte Russen. Vielleicht waren die alle auf der Suche nach Helmen, die sie auf dem täglichen Weg in die Arbeit vor Unbillen wie explodierenden Zügen oder ähnlichem schützen sollen - so ein Helm ist immerhin billiger als ein repräsentativer Grabstein!
Wobei die Staatsmacht alles tut, um die Sicherheit der Verkehrsmittel sicherzustellen. Gestern Nacht bin ich mit der Metro nach Hause gefahren, als mitten im Tunnel plötzlich eine Durchsage kam - es kommen in der russischen Metro zwar dauernd Durchsagen, zum Beispiel, dass man nett zu
alten meckernden Weibern verdienten Heldinnen des Sozialismus sein muss und ihnen den vorgewärmten Sitzplatz überlassen muss, wenn sie einsteigen. Aber diese Durchsage kannte ich noch nicht, und das hat mich dann doch misstrauisch gemacht. An der nächsten Station mussten wir dann alle aussteigen, der ganze Bahnhof wimmelte von Polizei, die dann auch den ganzen Zug durchsucht hat - und denselben dann wahrscheinlich für einen kurzen Betriebsausflug beschlagnahmt hat, jedenfalls mussten alle Normalsterblichen ohne Uniform draußen mitansehen, wie unsere Metro ohne uns weiterfuhr...
Kontrollen durch die Miliz sind hier recht häufig - als besonders
gefährlich werden offensichtlich hübsche junge Frauen erachtet.Mit der Metro zu fahren, ist sowieso immer wieder lustig und man erlebt viele interessante Dinge dort... Gestern war ich ja auf Sergeys Geburtstag eingeladen - Sergey ist einer der beiden Söhne meiner einzigen deutschen Arbeitskollegen hier in Moskau, Christel. Nachdem ich noch nie bei ihm war, hat mich Sergey netterweise vom Bahnhof abgeholt. Da ich ja mittlerweile hier in Moskau recht gut mit dem Metro-System zurechtkomme, lese ich jetzt ab und zu in der Metro, sonst ist es auf Dauer doch immer recht langweilig. Gestern hatte ich "The Firm" von John Grisham gelesen - kennen sicher viele, aber ich will jetzt nicht zuviel verraten. In dem Buch jedenfalls finden mehrere konspirative Treffen statt, in denen sich die verschiedenen Personen mit geheimen Zeichen zu erkennen geben.
Als ich dann einige Minuten gelesen hatte, war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob Sergey mich wirklich gebeten hatte, in den letzten Waggon einzusteigen - und welche Zeitung ich mir unter welchen Arm zu klemmen hatte, welcher Schnürsenkel offen sein sollte und ob ich mir jetzt meinen Schal um den Kopf binden oder als Krawatte tragen sollte.
Ich lenke mich jetzt in der Metro lieber mit meinem MP3-Player ab.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen