Sonntag, 30. März 2008

Gelten Museumskarten als offizielles Währungsmittel!?

Wow, ein ganzes Wochenende voller Kultur liegt hinter mir, und ich bin total platt - Bildung ist halt kein Zuckerschlecken!
Gestern mittag bin ich zunächst einmal in Richtung Roter Platz gefahren, und bin wegen dem tollen Wetter entlang der Moskwa gegangen... War wirklich toll, es war praktisch kein Wölkchen am Himmel zu sehen, und entsprechend war es auch richtig voll am Roten Platz. Also schlechte Chancen, um Lenin anzugucken, der aber eh komische Öffnungszeiten hat - ab 13 Uhr ist nämlich Mittagsruhe, und dann bleibt der Laden dicht, er ist ja schließlich nicht mehr der Jüngste.
Pech für die Hochzeitsgesellschaft, die bestimmt extra wegen ihm zum Roten Platz gefahren ist... Dabei mussten sie mit Sicherheit ewig suchen, bis sie endlich einen Parkplatz gefunden haben:

Und bis dann alle Leute wieder eingestiegen sind! Zum Glück muss der Fahrer hierzulande nicht auch noch darauf achten, dass alle Leute angeschnallt sind...
Ich bin dann ein ganzes Stück an der Moskwa entlang gegangen und habe viele tolle Fotos gemacht *mitdemZaunpfahlwink*, bis ich dann nach einem kleinen unfreiwilligen Unweg zur Zweigstelle für moderne Kunst der Tretjakow-Galerie gekommen bin. Das Gebäude ist umgeben von einem Park, in dem wetterfeste Skulpturen untergebracht sind (und solche, die man seinen Gästen nicht unbedingt zeigen will, zum Beispiel Stalin-Statuen). Um allerdings den Garten betreten zu können, muss man erst mal Eintritt zahlen, allerdings nur 20 Rubel, umgerechnet ca 50 Cent, also sehr überschaubar.Als ich jedoch die Dame an der Kasse freundlich darauf hingewiesen habe, dass die 50 Rubel Rückgeld und die Eintrittskarte für 20 Rubel nicht ganz dem Gegenwert meiner 100-Rubel-Note entsprächen, mit der ich bezahlt hatte, habe ich sehr schnell begriffen, dass ich es mit einer Veteranin des sowjetischen Dienstleistungssektor zu tun hatte. Nachdem ich ihre Beschimpfungen einfach nicht verstehen wollte, habe ich dann unter lauten Flüchen eine weitere ganze sowie eine halbe Eintrittskarte im Wert von 20 Rubel erhalten. Vor so viel Einfallsreichtum (und weil ich so lachen musste), habe ich dann doch den Hut gezogen und habe dafür auf allen Wegen für 2,5 Personen gestampft, um meinen Eintritt wieder wettzumachen.Aber abgesehen von dieser kleinen erheiternden Episode war ich wirklich begeistert von der Tretjakow-Galerie für moderne Kunst - sowohl der Skulpturenpark als auch die Ausstellung im Gebäude selbst ist wirklich sehr empfehlenswert, wer in Moskau ist und Zeit hat, sollte sich die Ausstellung auf keinen Fall entgehen lassen!

Nach der Tretjakow-Galerie war ich dann noch mit zwei Russen bei der Lomonosow-Universität - die ist in einer der "Sieben Schwestern" untergebracht, den Stalin'schen Monumentalwolkenkratzern, von denen ich bereits früher geschrieben hatte. Das Gebäude ist wirklich sehr beeindruckend, wahnsinnig groß und auch sehr düster...
Allerdings liegt die Lomonosow-Universität auf einer Erhebung, und vom sogenannten Sperlings-Hügel hat man einen tollen Blick auf ganz Moskau. Ich habe ein paar Fotos gemacht; nachdem es aber schon Nacht war, sind die wahrscheinlich nicht sehr beeindruckend geworden :-(

Heute war ich dann außerdem noch im Park Pobedy, wo neben einer ausgedehnten Parkanlage auch noch ein Monument zu Ehren der Gefallen des "Großen Vaterländischen Krieges" (2. Weltkrieg) sowie ein Armeemuseum untergebracht sind.Da das Wetter auch heute wundervoll war, hat sich das Monument natürlich in seiner ganzen Pracht dargelegt - außerdem gab es im Park auch noch ein Freilichtmuseum, in dem Waffen und Fahrzeuge vor allem der sowjetischen Armee ausgestellt sind. Die Museen fand ich jetzt persönlich nicht besonders gut; allerdings kommt gerade in den Ausstellungen über den Zweiten Weltkrieg Deutschland verständlicherweise nicht besonders gut weg - zweifelsohne zu Recht, allerdings kommt noch ein extremer patriotischer Pathos in den Schilderungen dazu, und meiner Meinung nach ist die Bezeichnung "Museum" unangemessen. Aber gut, es ist ja schließlich ein Monument für die russische Armee mit eingebautem Museum, von dem her sind die sehr emotionalen Texte verständlich.
Sehr geschickt übrigens die Taktik der russischen Armee, ausrangierte Panzer als Klettergerüst zur Verfügung zu stellen:Die lieben kleinen lernen dann sehr schnell, mit ungebetenen Gästen umzugehen:Und das alles nur, weil ich versucht habe, mir einen kleinen Waggon auszuleihen.

Samstag, 29. März 2008

"Now we'll show you what German sausages really taste like" - Von einem tollen Abend in einer Moskauer Gaststätte

Ich muss sagen, ich habe meine Entscheidung, nach Moskau zu kommen, bisher noch kein bisschen bereut - wie sonst sollte ich auch die Errungenschaften der deutschen Küche schätzen lernen!?
Ich spiele damit jetzt nicht etwa auf die Qualität der kulinarischen Versorgung in der Kantine an, die ist nämlich durchaus akzeptabel, wenn auch auf Dauer etwas eintönig. Nein, meine netten Kollegen von Kaspersky haben mich gestern in ein Restaurant geschleppt, das bayerische bzw. deutsche Spezialitäten serviert - das eine oder andere Schmunzeln garantiert inklusive.

Wie in einem typischen deutschen Restaurant stand zum Beispiel auch hier auf jedem Tisch ein zünftiger Bierkrug, dessen Schaumkrone sich allerdings wacker den Gesetzen der Physik entgegenstemmte, und vermutlich schon so manchen gestrandeten Trinker in Grübeleien über Sinn und Unsinn der Gravitation gestürzt hat.

Natürlich gab es zum Essen dann leckere deutsche Würstchen mit Sauerkraut (und saurer Gurke!?) - ich habe mich allerdings bei der Identifikation auf der Speisekarte etwas schwer getan, da die Würstchen nämlich nicht etwa mit Namen versehen waren, sondern mit laufenden Nummern - aber in Deutschland hat ja bekannterweise alles seine Ordnung, deshalb ist dieses Vorgehen ja auch nur konsequent.

Nachdem ich ja auch in Sachen Wodka bisher meinen Kopf durchsetzen konnte, habe ich auch dieses Mal auf einer russischen Mahlzeit bestanden, und habe dann auf Anraten meiner Kollegen Schwarzbrot mit Knoblauch-Soße bestellt. Ich muss ja ganz ehrlich zugeben, dass ich im Vorfeld etwas skeptisch war, aber als ich das dann gegessen habe - das hat wirklich super geschmeckt :-)
Ich muss mal schauen, ob man dafür ein Rezept bekommt, im Internet habe ich bisher leider vergeblich danach gesucht!

Von links nach rechts: Timur, Vas, meine Wenigkeit, Alexey und
Olga

Donnerstag, 27. März 2008

Japanischer Whiskey im russischen Frühling

Wie ich gehört habe, herrschen ja in Deutschland immer noch etwas winterliche oder doch zumindest unangenehme Zustände - hier in Moskau dagegen kommen so langsam Frühlingsgefühle auf, nachdem diese Woche angeblich schon Wärmerekorde gebrochen wurden, und zumindest heute waren Wolken am Himmel ein ziemlich seltener Anblick, und die Sonne hat freundlich-warm auf uns heruntergeschienen - zumindest sah es vom Bürofenster aus so aus.
Die nächsten Tage soll es einigen Unkenrufen zufolge ja wieder schlechter werden, aber ich habe mich auf eine strikte Verweigerungshaltung eingeschworen und habe die Winterjacke zugunsten meines Jacketts ausgetauscht, wenn auch derzeit noch in Verbindung mit Schal.
Heute kam dann auch glücklicherweise die neue Digitalkamera, und ich muss sagen, dass ich von der Schnelligkeit der Lieferung wirklich beeindruckt bin - gestern um 17:00 Uhr bestellt, heute um 11:00 Uhr geliefert, da kann man wirklich überhaupt nicht meckern!
Sie macht auch ganz gute Bilder, wobei ich natürlich noch viele viele Testbilder machen muss, bis ich ein abschließendes Urteil abgeben kann ;-)
Heute standen wieder mal gleich mehrere Geburtstage auf dem Programm - gleich gegenüber unseres Büros sind die Content Editors untergebracht, die aus den unterschiedlichsten Ländern kommen, was für eine ganz besondere Arbeitsatmosphäre sorgt. Zwei der Mitarbeiter dieser Abteilung hatten heute wie gesagt Geburtstag gefeiert, und auch in einer anderen Abteilung gab es eine Feier, aber man kann sich ja nicht zerreißen ;-)

Alle machen Party, nur Alla arbeitet brav vor sich hin :-)

Da Miho Japanerin ist, hat sie für ihre Geburtstagsfeier natürlich massenhaft japanische Spezialitäten besorgt - wie Sushi, Essstäbchen und auch japanische Getränke. Ich wusste nicht, dass es spezielles japanisches Bier gibt, aber es hat eigentlich ganz gut geschmeckt, und vor allem die Flasche war sehr interessant: sehr hoch und fast filigran, wirklich witzig. Außerdem gab es japanischen Whiskey... Jeremy aus Tennessee hat aber behauptet, dass der natürlich gegen echten Jack Daniels nur ein müder Abklatsch war - was unser Ire allerdings spitzbekommen hat, und schon war die schönste Diskussion im Gange, welcher 20-jährige Whiskey am besten ist.

Vas hat schon ganz für sich alleine entschieden, dass sein Herz
alleine Jack Daniels gehört.

Mittwoch, 26. März 2008

1:0 für das Terroristengesocks

Heute muss mein Blog leider ohne Fotos auskommen - nachdem ich in meiner maßlosen Arroganz naive Witzchen über die latente Bedrohung durch Extremisten gerissen habe, wurde mir von einem dieser elenden Terroristen natürlich prompt gestern morgen im Zug die Digitalkamera gestohlen. Die natürlich nicht mal mir selbst gehörte, sondern von meinem Mitbewohner geliehen war.
Im allgemeinen Sardinenspielen auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit hat jemand das Gedränge schamlos ausgenutzt, um mich armen, arglosen Kulturbotschafter um das geliebte Spielzeug zu berauben - ich bin zutiefst entrüstet! Vermutlich wird die Kamera auf dem Schwarzmarkte verkauft, um damit den Dschihad gegen die russische S-Bahn zu finanzieren...
Jedenfalls spiele ich jetzt mit dem Gedanken, mir eine dieser kleinen süßen Armbrüste und das eine oder andere Samurai-Schwert zuzulegen, um Langfinger von Vornherein abzuschrecken - lediglich die Frage, wie ich mit meinem Waffenarsenal in den ohnehin schon zum Bersten gefüllten Zug passen soll, hat mich bisher von meinen Aufrüstungsplänen abgehalten.
Ein Gutes hat die Sache aber doch, so komme ich immerhin einmal in den Genuss, hier in Russland eine Internetbestellung durchzuführen. Bestellen kann man in vielen Online-Shops per Email, Webformular, Telefon oder ICQ - das wäre doch noch eine Anregung für unseren Online-Shop - nachdem ich ja mittlerweile auch auf der deutschen Website herumbastel, werde ich morgen gleich mal Stefans ICQ-Nummer zur Bestellannahme veröffentlichen ;-) Elke, hast du denn mittlerweile auch wieder ICQ?
Das Coole an der Sache ist, dass die Kamera morgen per Kurier geliefert wird (wir hatten heute abend bestellt) - Versandkosten inklusive Nachnamegebühren belaufen sich dabei auf ganze 2,50 Euro...
Ich hatte mir ja auch überlegt, die Kamera in einem hiesigen Media Markt einzukaufen, die Versandkosten der Online-Shops und unabhängige Preisvergleiche haben mich dann aber dazu bewogen, mein Glück woanders zu suchen.Witzig ist, dass Media Markt hierzulande statt mit Signalrot mit Schweinchenpink (oder ist es schon Milka-Lila?) wirbt - der deutsche Elektrogigant kam hier nämlich zu spät, und da hatte sich der russische Konkurrent Eldorado schon die aus Deutschland bekannte rot-schwarze Aufmachung schnabuliert.
Bin ja auf jeden Fall schon mal sehr gespannt, ob das mit der Kamera klappt!

Montag, 24. März 2008

Wohl und Wehe der Schneepracht

Ok - tut mir bitte einen Gefallen, und vergesst, dass ich mich gestern über die Gefahren des täglichen Arbeitsweges lustig gemacht habe... Heute bin ich schier zur Salzsäule erstarrt, als ich in der Früh aus dem Zug ausgestiegen bin... In der Bahnstation habe ich nämlich folgendes Hinweisschild entdeckt:
Die Bedrohung scheint also wirklich sehr real zu sein - ich frage mich, wie ich jetzt jemals wieder naiv und fröhlich Zug fahren soll!? Kein Wunder, dass alle Menschen im Zug immer total deprimiert dreinschauen...
Diese maskierten Männer auf dem Plakatt scheinen nichts Gutes im Schilde zu führen, vermutlich liegt morgen in Wild-West-Manier ein gefällter Baumstamm über den Gleisen und alle Passagiere müssen für einen wohltätigen Zweck Taschenuhren und Geldscheine rausrücken...
Ich wusste ja schon immer, dass die modernen Verkehrsmittel eine Todesfalle sind, deswegen fahr ich in Ingolstadt auch nur mit dem Fahrrad - leider geht das hier nicht, da die geschätzte Lebensdauer eines Drahtesels durchschnittlich 45 Sekunden betragen dürfte (oder wie lange braucht man, um das Fahrrad aufzuschließen und aufzusteigen?). Die Fahrräder, die mir seit meiner Ankunft hier begegnet sind, kann ich an einer Hand abzählen - wobei mir eines zwei mal begegnet ist, eigentlich brauche ich also nur eine halbe Hand.
Die Frage ist nur, ob man zuerst von einem Lada vom Fahrrad geholt wird, oder ob einem angesichts der hiesigen Feinstaubkonzentration die Lunge beim dritten Atemzug implodiert - das Bild oben habe ich an einer der Hauptverkehrsstraßen aufgenommen. Wenn man ganz genau hinsieht, dann kann man unter der Smogschicht sogar noch die Werbung für einen Camcorder erkennen - ich vermute also, dass die Plakate jede Woche einmal gründlich gereinigt werden.

Eigentlich hatte ich mich ja darauf gefreut, dass der Schnee jetzt bald endgültig weg ist - wobei ich mir mittlerweile den weißen Schleier des Verdrängens wieder wünschen würde, er hatte nämlich doch viele unansehnliche Seiten des Großstadtlebens übertüncht:
Mein grenzenloses Vertrauen gilt natürlich der Moskauer Müllabfuhr, die allerdings bisher vor allem durch Abwesenheit glänzte - bzw. das weiße Gold taktisch klug zu nutzen wusste und den ganzen Dreck einfach unter den Schneeteppich gekehrt hat.
Es konnte ja auch keiner wissen, dass dieser doofe Schnee mit fortschreitender Saison einfach mir nichts dir nichts in einen anderen Aggregatszustand übergeht.

Sonntag, 23. März 2008

Pragmatischer Umgang mit den Gefahren des Alltags

Dass die russischen Verkehrsmittel nicht unbedingt deutsche Sicherheitsstandards erreichen, habe ich mir ja schon immer gedacht. Dass selbst die Russen von der Unfallträchtigkeit ihrer Züge so überzeugt sind, habe ich nicht gedacht - anders kann ich mir aber nicht erklären, warum man vor dem Bahnhof Grabsteine verkaufen sollte!
Auf der anderen Seite ist das vielleicht die Marktlücke schlechthin - und die will hier erst einmal gefunden werden, schließlich sind Moskaus Bewohner gemeinhin sehr geschäftstüchtig. Wobei ich das ja nicht per se negativ finde, ohne die netten jungen Männer in den Metrostationen würde ich vermutlich nie an einen Bachelor in russischer Geschichte und einen Doktortitel in Slawistik kommen! Bestimmt findet sich auch jemand, der im Prüfungszeitraum zwei schöne Wochen in deutschen Hörsälen verbringen will :-)

Heute war ich außerdem noch auf dem Arbat, das ist die typische Touristenstraße, deren architektonische Vielfalt in erster Linie aus dem Neigungswinkel der verschiedenen Souvenirbuden besteht. Allerdings sind hier zu dieser Jahreszeit recht wenige ausländische Touristen unterwegs; die meisten Leute, die heute unterwegs waren, waren betuchte Russen. Vielleicht waren die alle auf der Suche nach Helmen, die sie auf dem täglichen Weg in die Arbeit vor Unbillen wie explodierenden Zügen oder ähnlichem schützen sollen - so ein Helm ist immerhin billiger als ein repräsentativer Grabstein!

Wobei die Staatsmacht alles tut, um die Sicherheit der Verkehrsmittel sicherzustellen. Gestern Nacht bin ich mit der Metro nach Hause gefahren, als mitten im Tunnel plötzlich eine Durchsage kam - es kommen in der russischen Metro zwar dauernd Durchsagen, zum Beispiel, dass man nett zu alten meckernden Weibern verdienten Heldinnen des Sozialismus sein muss und ihnen den vorgewärmten Sitzplatz überlassen muss, wenn sie einsteigen. Aber diese Durchsage kannte ich noch nicht, und das hat mich dann doch misstrauisch gemacht. An der nächsten Station mussten wir dann alle aussteigen, der ganze Bahnhof wimmelte von Polizei, die dann auch den ganzen Zug durchsucht hat - und denselben dann wahrscheinlich für einen kurzen Betriebsausflug beschlagnahmt hat, jedenfalls mussten alle Normalsterblichen ohne Uniform draußen mitansehen, wie unsere Metro ohne uns weiterfuhr...

Kontrollen durch die Miliz sind hier recht häufig - als besonders
gefährlich werden offensichtlich hübsche junge Frauen erachtet.


Mit der Metro zu fahren, ist sowieso immer wieder lustig und man erlebt viele interessante Dinge dort... Gestern war ich ja auf Sergeys Geburtstag eingeladen - Sergey ist einer der beiden Söhne meiner einzigen deutschen Arbeitskollegen hier in Moskau, Christel. Nachdem ich noch nie bei ihm war, hat mich Sergey netterweise vom Bahnhof abgeholt. Da ich ja mittlerweile hier in Moskau recht gut mit dem Metro-System zurechtkomme, lese ich jetzt ab und zu in der Metro, sonst ist es auf Dauer doch immer recht langweilig. Gestern hatte ich "The Firm" von John Grisham gelesen - kennen sicher viele, aber ich will jetzt nicht zuviel verraten. In dem Buch jedenfalls finden mehrere konspirative Treffen statt, in denen sich die verschiedenen Personen mit geheimen Zeichen zu erkennen geben.
Als ich dann einige Minuten gelesen hatte, war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob Sergey mich wirklich gebeten hatte, in den letzten Waggon einzusteigen - und welche Zeitung ich mir unter welchen Arm zu klemmen hatte, welcher Schnürsenkel offen sein sollte und ob ich mir jetzt meinen Schal um den Kopf binden oder als Krawatte tragen sollte.
Ich lenke mich jetzt in der Metro lieber mit meinem MP3-Player ab.

Freitag, 21. März 2008

Schoko-Nikoläuse, denen die Chance auf einen zweiten Anfang verwehrt wird

So, um hämische Nachfragen ein für alle mal auszuschließen: nein, wir haben heute keinen Feiertag und ja ich war arbeiten und ja ich muss auch Montag arbeiten gehen ;-)
Ostern wird hier in Russland zum einen nicht so groß gefeiert wie in Deutschland, zum anderen ist es auch an einem ganz anderen Datum: dieses Jahr ist das der 27. April. Der Unterschied kommt dadurch zustande, dass in Russland lange Zeit noch der julianische Kalender galt; erst seit 1918 gilt auch hier der gregorianische Kalender.
Und es kommt noch schlimmer - haltet euch bitte fest, aber es gibt hier keine, ich wiederhole, KEINE Schokoosterhasen... Könnte mir jemand vielleicht ein klitzekleines, ganz witziges Care-Paket........

Keine Schokoosterhasen, und das, obwohl deutsche Produkte hier
so hoch im Kurs stehen!


Immerhin gibt es hier auch Ostereier, aber die werden nicht versteckt - wenn man das den Leuten hier erzählt, dann sind sie auch total entsetzt - man könnte ja vergessen, wo man der Osterhase die Leckereien versteckt hat! Und wenn es dann nach ein paar Wochen nach faulen Eiern stinkt, dann werden wieder zu Unrecht die natürlichen Verdauungsprozesse der Mitmenschen verantwortlich gemacht. Wie man sieht, man geht hier viele Dinge einfach pragmatischer an!

Aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht, dass heute kein Feiertag war - schließlich macht arbeiten ja soooo viel Spaß, und die Arbeitszeiten sind ja zum Glück so interpretationsfähig, dass man auch nach der schlimmsten Party noch halbwegs ausgeschlafen kommen kann. Das ist ja eigentlich durchaus adaptionswürdig, weil man dann viel produktiver ist UND am Vortag Spaß haben kann und so... gell, Stefan :-)

Unser Abteilungsleiter Alexey weiß, wie man seine Mitarbeiter
motivieren kann, und es wird einem bei soviel liebevoller
Versorgung auch gleich ganz warm ums Herz.


Heute konnte ich leider niemanden motivieren, mit mir ein bisschen wegzugehen - zwei Tage vorher sind alle noch total begeistert, aber wenn dann der Tag immer näher rückt tauchen plötzlich wie aus dem Nichts Ehefrauen oder andere Sklaventreiber Lebenspartner auf, die einem nicht das letzte Quentchen Spaß gönnen wollen, oder überaschenderweise hat man eine Prüfung, auf die man lernen muss - der Alltag hier steckt wirklich voller Unwägbarkeiten! Aber wenigstens bin ich dann fit für morgen Abend :-)

Donnerstag, 20. März 2008

Flamed Sambuca und andere russische Köstlichkeiten

Wie einige ja schon spekuliert haben: ja, ich hab gestern ein bisschen Party gemacht und konnte deshalb leider nicht an meinem Blog schreiben ;-)
Ich hatte ja endlos nach Opfern bei Kaspersky gesucht, die mit mir zusammen das Moskauer Nachtleben unsicher machen wollen - und gestern sind mein Kollege Viggy, unser Chef Alexey und ich zusammen losgezogen, endlich! Davor haben wir allerdings noch bei Kaspersky die Hochzeit eines Kollegen gefeiert.
Dabei habe ich eine interessante Sorte Bier kennengelernt: Die Kollegen waren sich unsicher, ob das Bier direkt im Supermarkt gebraut oder nur dort gelagert wird, aber jedenfalls kann man besagtem Supermarkt in unserer Nähe frisches Bier kaufen, das einem dann live in braune PET-Flaschen abgefüllt wird... Da das Bier angeblich frei von Konservierungsstoffen ist, muss man es dann - ein Schelm, wer sich böses dabei denkt - umgehend konsumieren...
Hat mich jetzt geschmacklich nicht vom Hocker gehauen, ist allerdings gewissen Ingolstädter Brauereien meiner Meinung nach haushoch überlegen!
Danach sind wir dann zum Kult Club gefahren, wo wir uns einen sehr gemütlichen Abend gemacht haben, und ich habe natürlich weitere Geheimnisse über russische Trinksitten vermittelt bekommen - exklusiv für euch habe ich die russische Standardvariante des Sambuca-Trinkens visuell aufgezeichnet!


Viggy übertreibt am Ende allerdings etwas mit dem Inhalieren, muss man dazusagen... Ich hab das richtig gemacht, kurz und schmerzlos... äh, naja vielleicht ist Viggys Methode im Hinblick auf den nächsten Morgen doch vorteilhafter... Hinterher weiß man immer mehr :-)

Die "Advanced Version", von der er spricht, habe ich dann auch noch bekommen, ich verrate allerdings nicht, wie die funktioniert - aber zurück in Deutschland werde ich das natürlich demonstrieren! Ich glaub aber, dass meine Vorhänge nicht feuerresistent sind, wenn sich also jemand bereit erklärt, sein trautes Heim zur Verfügung zu stellen...!? Voraussetzung ist allerdings, dass ich bis dahin meine neuerworbene Aversion gegen Sambuca wieder abgelegt habe!

Denn nachdem der nette Barkeeper hörte, dass ich aus good ol' Germany komme, hat er uns zuliebe gleich mal die richtig großen Schapsgläser rausgekramt... argh.
Überflüssig zu sagen, dass ich heute morgen nciht in Topform war.
Schalfen konnte ich netterweise bei Vinny, da der doofe Zug ja nicht besonders lange fährt, und ich deswegen einige Probleme bei der Heimreise bekommen hätte - wobei, das Office steht ja jederzeit offen, ich wäre angeblich nicht der erste, der da übernachtet ;-)
Jedenfalls war diese blöde Metro heute mit 100% Sicherheit deutlich lauter als sonst - und ich bin mir sicher, dass Experimente an den Wellenlängen der Töne vorgenommen wurden, jedenfalls bohrten sie sich heute früh besonders tief in meinen Kopf...

Da die Kollegen aber entsprechende Anblicke offenbar schon recht gewöhnt sind, ist der Arbeitstag eigentlich ganz normal verlaufen, insbesondere nach dem lang ersehnten Mittagsmahl in unserer fürstlichen Cantina... Ich bin ganz stolz auf mich, wann immer es etwas russisches gibt, lasse ich Kartoffelpüree und anderen Fast-Food links liegen und übe mich in kulinarischer Assimilation - Borschtsch habe ich aber bisher noch nicht bekommen, und Pelmeni muss es jetzt nicht unbedingt sein, aber abgesehen davon ist uns russisches Essen eigentlich näher als ich ursprünglich gefürchtet angenommen hatte!

Dienstag, 18. März 2008

Lenins Kaufhaus

Nachdem die Idee mit den Plastikschuhschonern sich bei näherer Betrachtung als etwas naiv erwiesen hat, habe ich heute mit Hilfe meines Arbeitskollegen Vanya ein Einkaufszentrum ausfindig gemacht, indem unter anderem auch ein Sportgeschäft ist. Auf dem Weg von der Arbeit bin ich dann mal dort vorbeigegangen - wow, der Laden hat ganz schön was hergemacht!


Einkaufszentren habe ich bisher noch nicht allzu viele gesehen, aber es gibt hier in Moskau sehr viele Geschäfte - aber nicht nur deshalb ist Moskau ein Traum für alle Hardcore-Shopper (ob deswegen so viele leicht bekleidete Mädchen aus ländlichen Gegenden hier sind?).

Die sogenannten Öffnungszeiten sind hier vielerort schlicht nicht existent oder sind sehr großzügig ausgelegt - gerade zentral gelegene Einkaufsstätten haben häufig rund um die Uhr geöffnet. Deshalb war es auch kein Problem, als ich gestern um halb zehn abends mal eben nach Schuhen suchen wollte.
Politisch und gesellschaftlich gebildet dank deutschem Schulsystem, habe ich anfangs immer versucht, eine Lanze für die deutschen Ladenschlusszeiten zu brechen, die die Beschäftigten vor unzumutbaren Arbeitszeiten schützen etc. pp., aber nachdem mir dabei mehrmals verstohlene Seitenblicke zugeworfen wurden, habe ich schon hinter jeder Ecke die Leute mit den weißen Turnschuhen und den lustigen Jacken vermutet, und ich beschränke mich seither auf passiven Widerstand - also ich kaufe jetzt nur ganz wenig spät abends ein... meistens... äh so oft wie möglich... ach lassen wir das!

Der Dekadenz Gipfel ist aber immer noch das bekannte GUM-Kaufhaus, das direkt am Roten Platz und somit direkt gegenüber von Lenins Mausoleum steht:



So ziemlich jede Luxusmarke der Welt ist dort vertreten, und wenn man zum Beispiel die Häuser in unserer Nachbarschaft ansieht, dann fällt einem da doch sehr deutlich der Unterschied auf zwischen Arm und Reich - das sieht man auch beispielsweise an den Riesenschlitten, hinter denen kleine alte Sowjet-Zweitakter herzuckeln...




Ein Musterbeispiel für die Errungenschaften des Sozialismus sind beispielsweise auch die Züge, mit denen ich immer nach Moskau fahre - viele sind schätzungsweise seit Stalins Zeiten nicht mehr gewartet worden:
Aber was soll man sagen, sie fahren immerhin - Fahrpläne sind ja schließlich eigentlich eh nur papierne Gefängnisse für rechtschaffenes Zugpersonal, weswegen kleinere Unpünktlichkeiten milde zu bewerten, wenn nicht sogar als Rebellion gegen die Diktatur der Zeit über den Menschen zu werten sind... Schade dass mir diese Erkenntnis immer abhanden kommt, wenn ich mal wieder einen Zug verpasst habe, weil er fünf Minuten zu früh (!) abgefahren ist!

Montag, 17. März 2008

Aktiv betriebener Umweltschutz

Hurra, heute hab ich es endlich einmal geschafft, mir meine Registrierung abzuholen... Grundsätzlich muss man sich ja innerhalb von drei Tagen nach der Anreise in Moskau offiziell registrieren - wenn man sonst von der Polizei erwischt wird, muss man entweder Trinkgeld geben oder die offizielle Strafe in Höhe von 2000 - 5000 Rubel bezahlen. Aber wie gesagt, ich habe es ja endlich geschafft und schleppe jetzt zusätzlich zu Reisepass und Migrationskarte ein weiteres Dokument mit mir herum.
Zu diesem Zweck bin ich dann heute früh erst mal nicht direkt in die Arbeit, sondern ins Stadtzentrum gefahren - wow, war nicht schlecht was los in der Metro! Ich musste dann ca. 10 Minuten zu Fuß gehen, und unterwegs kam ich an einer Art Theater oder so vorbei - jedenfalls parken da immer ziemliche Nobelschlitten vor dem Gebäude...
Aber Mercedes CLS sieht man sogar in Moskau nicht sehr oft - und dann auch noch schön verschlimmbessert mit Heckspoiler und Kühlergrill, autsch...
Wenn man so ein Auto fährt (oder vermutlich fahren lässt), dann will man natürlich nicht, dass der Pöbel einem die schöne Lederausstattung ruiniert - die Bodyguards mussten also konsequenterweise in einem eigenen Auto fahren. Könnte sein, dass sie das ganz gut verschmerzt haben, schließlich durften sie im Porsche Cayenne hinterherzuckeln...

In welchem dieser beiden Autos die Bodyguards mitreisen, würde mich auch noch interessieren - zumindest das hintere Auto sehe ich nur manchmal, wenn ich zur Arbeit gehe, es scheint also wenigstens bedingt fahrtauglich zu sein. Auf jeden Fall lerne ich hier was für's Leben - wenn kein Gepäckträger zur Hand ist, schraube man sich auf sein Automobil einfach eine handelsübliche Palette, und dem Transport des Großeinkaufs steht nichts mehr im Wege!

Außerdem heute gelernt: selektives Verwenden von Reinigungsmitteln nur an unbedingt notwendigen Stellen minimiert den Säuberungsaufwand dramatisch - und die doofe Kiste wird früher oder später ja eh wieder dreckig!
Und der sparsame Einsatz von chemischen Substanzen ist ja schließlich auch aktiv betriebener Umweltschutz, und der wird hier ja groß geschrieben. Und nur weil sich ein paar Tauben nicht um den Denkmalschutz kümmern, musste diese ehrwürdige Kirche frisch renoviert werden, so dass sie jetzt in frischem Glanz erstrahlt:
Nun, auch wenn sich für den Laien die Ergebnisse auf den ersten Blick (und den zweiten und dritten...) im Rahmen halten mögen - wenigstens wurde die Kirche einige Wochen rundum eingerüstet und so effektiv vor aggressiven Tauben-Hinterlassenschaften beschützt! Außerdem, der gute Wille war ja zumindest im Ansatz vorhanden - und ganz ehrlich, ein wenig rustikalen Charme versprüht das Gemäuer doch so auch, oder!?

Sonntag, 16. März 2008

Parkettschoner in der Staatlichen Tretjakow-Galerie oder Warum sich manche praktischen Ideen einfach nicht durchsetzen

Heute war ein bisschen Kultur angesagt, nachdem ich ja gestern in erster Linie alte Kanonen besichtigt habe - André und ich waren heute in der Tretjakow-Galerie.
Als wir an dem Gebäude ankamen, hat uns erstmal fast der Schlag getroffen - eine riesige Schlange Menschen, die fast Vatikan-Wartezeit verhieß...
Nach einiger Beratschlagung sind wir dann in ein relativ unscheinbares Nebengebäude gegangen, weil da auch ab und zu Leute drin verschwunden sind... Ich hatte dann beherzt jemanden angesprochen, der glücklicherweise der englischen Sprache mächtig war - und wir waren tatsächlich in der Tretjakow-Galerie, nebenan war nur eine Sonderausstellung. Keine Ahnung für was, aber wahrscheinlich goldverschnörkelte Ziergabeln oder so ein Krams könnte ich mir vorstellen...
Hier in Moskau ist es ja immer sehr lustig, besonders wenn wir zu zweit unterwegs sind - aber es ist dann doch selbst für unsere erprobtem Zwerchfälle eine Herausforderung, wenn man in ein Museum geht - und als erstes muss man sich dann zu Schuhkondomen umfunktionierte Mülltüten überstreifen, vermutlich um nicht den kostbaren Parkett zu ruinieren.

Nein, André, ganz falsch!

Glücklicherweise muss im Museum jeder diese Tüten überstreifen, die kollektive Scham über die entwürdigende Amputation der Fuß-Individualität lässt Gelächter über diesen komischen Anblick dann gar nicht erst aufkommen... Was mich natürlich nicht daran gehindert hat, fleißig meine Mitmenschen in entsprechender Montur abzulichten - als besonders lohnenswerte Opfer haben sich dabei Anzugträger und Frauen in Highheels erwiesen!

Ach ja, das Museum war auch ganz nett ;-) Es sind dort in erster Linie Gemälde ausgestellt, überwiegend aus dem 15.-19. Jahrhundert, aber auch einigere moderne Bilder und auch einige Skulpturen.
Es gibt allerdings auch noch eine andere Tretjakow-Galerie, ich glaube in der ist dann moderne Kunst ausgestellt, und es befindet sich dort auch ein Skulpturen-Park.
Unbedingt besichtigen will ich auch noch auf jeden Fall das Russische Armee-Museum - nachdem ich ja zu meinem großen Bedauern festgestellt habe, dass die "Errungenschaften des Sozialismus" im Allrussischen Ausstellungszentrum seit ca. 18 Jahren nicht mehr zugänglich sind, das wäre sicher auch sehr interessant gewesen!

Jedenfalls muss ich jetzt dank den Errungenschaften der Tretjakow-Galerie nicht mehr länger nach neuen Schuhen hier suchen - ich ziehe einfach bis zur Arbeit meine neu erworbenen Schuh-Verhüterli an, und dann hab ich dort blitzesaubere Sneakers - trotz einem Arbeitsweg, der mit fruchtbarem Moskauer Schlamm bedeckt ist :-)

In eigener Sache

Ich will euch an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, dass ich jetzt endlich mal alle Bilder hochgeladen habe, die ich bisher gemacht habe... also wirklich alle ;-)
Rechts in der Seitenleiste seht ihr drei verschiedene Fotoalben, in die ich die Bilder einsortiert habe.
Unter anderem auch noch unveröffentlichte Bilder von unserer Wohnung ^^

Samstag, 15. März 2008

Die tollste Kanone der Welt und andere Sehenswürdigkeiten

Tada! Heute habe ich's endlich einmal in den Kreml geschafft!! Das heißt - naja, die Waffenkammer war aus unerfindlichen Gründen geschlossen, und einige der Kirchen werden gerade renoviert und konnten deshalb nicht besichtigt werden... Aber egal, drinnen war ich!

Das heißt dass ich auch endlich die berühmte Zarenkanone ansehen konnte - man beachte die coolen Felgen! Eine Kanone, wie geschaffen dafür, Clowns etc. durch die Gegend zu schießen :-)
Irgendein Witzbold hat wohl die Zarenkanone tatsächlich ausprobiert und dabei gleich zielsicher die Zarenglocke getroffen, da fehlt nämlich ein Eck:
Ich hatte ja selber Glück, dass die Zarenkanone nicht auf mich abgefeuert wurde... In der Zeit, die ich bisher hier verbracht habe, habe ich ja schon eine leichte Aversion gegenüber Zebrastreifen aufgebaut. Unbewusst versuche ich sie deshalb zu meiden - es kann ja auch keiner wissen, dass Zebrastreifen im Kreml die offiziellen Besuchswege markieren sollen! Jedenfalls kein Grund, wie ich finde, mir gleich einen Trupp Soldaten hinterherzuschicken, wenn ich mir mal ein bisschen entlegenere Gebäude anschauen will! Ich hätte schon nicht Putins Dienstkutsche entführt...
Nachdem mich dann die netten Herren in Uniform (zum Glück nur mit Trillerpfeifen bewaffnet) wieder auf den Pfad Zebrastreifen der Tugend zurückgeführt haben, habe ich halt statt Putins Amtszimmer die Kathedralen besichtigt. Ich war dann doch etwas erstaunt, als in der ersten Kathedrale lauter Zeremonienäxte und ähnliches Utensil ausgestellt wurde. Unter anderem auch folgendes Gerät, das laut Beschreibung ein "concept dagger" sein soll:

Da war ich ganz mutig, als ich das aufgenommen habe - ist nämlich streng verboten ^^ Und nachdem ich ja nach meinem Vergehen gegen die StVO bestimmt eh schon eine Akte beim KGB habe, wäre diesmal bestimmt gleich ein Panzer angerasselt gekommen...
Aber um nochmal auf den "Konzeptdolch" zurückzukommen - er sieht ja nun doch etwas komplizierter in Hinblick auf Handhabung und Bewegungsfreiheit aus, wird also denke ich schon noch einige Zeit im Konzeptstadium bleiben (und sich fröhlich weiter in der Kathedrale auf dem Kremlhügel drehen)...

Nachdem es jetzt in den Kathedralen nichts wirklich atemberaubendes zu sehen gab (außer den Weißwurstkesseln des Patriarchen in dessen Palast), und außerdem ja fast alles nur auf kyrillisch ausgeschildert ist, war ich dann relativ schnell fertig - allerdings habe ich noch einige Panoramafotos gemacht, man hatte nämlich relativ gute Sicht von da oben.


Das weiße Gebäude im Hintergrund ist eine der sogenannten "Sieben Schwestern" - ich glaube die Lomonossow-Universität. André und ich standen schon einmal direkt vor dem Außenministerium, das ein weiterer dieser Türme ist... Die Dinger sind wirklich gewaltig - riesengroß und sehr eindrucksvoll und düster, erinnert mich ein bisschen an die Türme in "Sin City" oder Gotham!

Da ich ja dann eh schon beim Kirchenbesichtigen war, habe ich mir auch noch die berühmte Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz vorgenommen, die ich ja bisher nur von außen fotografiert habe, dafür aber um so öfter ;-)

Ich war allerdings sehr erstaunt, als ich hereingekommen bin - mit einer Kathedrale aus dem westeuropäischen Raum hat die Basilius-Kathedrale nur den Namen gemeinsam, sowohl von außen als auch von innen ist der Unterschied riesig. Die Basilius-Kathedrale besteht im Inneren aus lauter verschachtelten Gängen mit kleineren Gebetsräumen - es ist wirklich labyrinth-artig, ich habe mich fast verlaufen - wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Pelmeni hinter mir hergestreut, damit ich wieder rausfinde ;-)


Etwas enttäuscht war ich allerdings, dass die Hälfte dieser Räume zugepflastert sind mit Souvenirläden - die natürlich zu allem Überfluss auch noch das El Dorado für alle kitschbegeisterten älteren Damen sind und glitzern und blinken dass man fast blind wird ;-)


Aber ich bin ja froh, dass ich es heute überhaupt zu meiner Sightseeing-Tour geschafft habe - gestern abend war ich mir da nämlich nicht ganz so sicher.
Das lag natürlich ausschließlich an dem reichhaltigen Buffett, das in unserem Büro aufgetischt wurde...
Viggy und The Big Boss Alexey haben ja zusammen Geburtstag gefeiert, und wie von ihnen angekündigt wurde es sehr feucht-fröhlich - und ich konnte viel Fachwissen über russische Trinksitten sammeln.
Beispielsweise ist es ganz besonders wichtig, dass man nicht "downgraden" darf - wenn man also mit Wodka anfängt, darf man danach kein Bier trinken (ich frag mich immer noch, ob das stimmt oder ob das alles Spezialregelungen für deutsche Praktikanten sind).
Und man darf sich seinen Wodka nicht selber einschenken, sondern jemand anderes muss die Dosierung übernehmen (auch das hört sich nach einer ad-hoc erfundenen Regel an, finde ich!).
Und ich weiß jetzt endlich, warum hier kein Mensch Wodka trinkt: Wodka gilt nämlich als hierzulande als das billigste Rauschmittel, weshalb jeder Russe, der etwas auf sich hält, beim Konsum alkoholischer Getränke auf ausländisches Hochprozentiges zurückgreift. Also wie man sieht, ich lerne auf jeden Fall was in meinem Praktikum - frägt sich nur, wie ich DAS in meinen Praktikumsbericht packen soll...

Donnerstag, 13. März 2008

"All girls like chokolade!!"

Oh oh oh, mich beschleichen schon wieder üble Vorahnungen über den morgigen Tag... da feiern nämlich Alexey und Viggy ihren Geburtstag - wir haben den beiden ausladen geholfen, und jetzt steht bei uns im Büro ungefähr eine Palette Bier:

Alla fährt auch in Snowboard-Urlaub und hat sich schon dick eingedeckt mit dem nötigsten ;-) Aber, wie sie sagte, "All girls like chocolade!!" ;-)
Damit ich morgen aber erstmal zur Arbeit komm, muss ich mich bestimmt wieder durch Megapfützen kämpfen... es ist echt schlimm hier, entweder man watet durch's Wasser oder man geht über den "Grünstreifen" am Rand, der aber moorähnliche Zustände aufweist...
Ich muss mir hier endlich mal ein zweites Paar Schuhe zulegen - mich wundert es echt jedes Mal wieder, wie die Moskauer Frauen es schaffen, sich nicht jedes Mal die Knöchel zu brechen - wirklich jede Frau hier hat Absätze, bei denen schon beim bloßen Hinsehen die Füße um Gnade betteln!

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, auch hier in Moskau regelmäßig Schwimmen oder Joggen zu gehen - angesichts der Straßenverhältnisse, vor allem aber in Anbetracht der Luftverschmutzung habe ich aber zumindest mal meine Laufpläne frühzeitig beerdigt... Schwimmbad ist leider nur eines in der Nähe, das kostet aber angeblich ca acht Dollar die Stunde, und das finde ich dann doch ziemlich heftig...
Deshalb hatte ich mir gedacht, dass ich ja vielleicht ins Fitnessstudio gehen und da auf dem Laufband die Blinis ein bisschen abtrainieren könnte. Praktischerweise ist im Bürogebäude von Kaspersky gleich eines - dumm nur, dass der monatliche Mitgliedsbeitrag dort 400 Dollar beträgt... Ich habe dann beschlossen, dass ich nicht unbedingt Gewichte (aus purem Gold, mit Diamanten besetzt und täglich mit Chanel No. 5 bestäubt) stemmen muss und dass zwei Monate lang keinen Sport hoffentlich keine keuchende Bratwurst aus mir machen werden ;-)

Auf der anderen Seite wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man schnell laufen kann - irgendwie musste ich zum Beispiel heute über diese Straße kommen ;-)

Das mit dem Video ist eigentlich mehr ein Test, wollte nur mal
sehen wie das so funktioniert ;-)

Mittwoch, 12. März 2008

The one and only, ultimate, most incredible Moscow commuter special issue

Heute hab ich mich entschlossen, mal ein kleines Moskau-Pendler-Special zu machen... Meinen Weg zur Arbeit (wenn ich denn mit dem Auto fahren würde) könnt ihr hier ansehen - ich brauche ungefähr eine Stunde, je nachdem, wie lange ich auf den Zug warten muss.

Grundsätzlich steht Moskau ja doch in dem Ruf, ein ziemlich gut organisiertes Verkehrssystem zu besitzen, zumindest habe ich das immer gehört. Und ich stimme dem auch voll und ganz zu, von der Metro könnte sich München zum Beispiel ein gutes Stück abschneiden. Einen Plan der Metro hatte ich ja schon einmal gepostet, deswegen baue ich da jetzt mal auf Vorkenntnisse auf (wow, wie in der Schule oder an der Uni, das macht Spaß, sowas zu sagen!)...

Es gibt ja die Ringlinie und unabhängig davon noch die anderen Metro-Linien, die quer durch die Stadt verlaufen. Und soweit ich das mitbekommen habe, kommt auf jeder Station im 90-Sekunden-Takt in jede Richtung eine Metro - wenn man also mit der Metro zur Arbeit fährt, muss man sich über den Fahrplan keine Gedanken machen. Außer man arbeitet im horizontalen Gewerbe hat ungewöhnliche Arbeitszeiten und muss aufpassen dass man die letzte Metro nicht verpasst.

Da Moskau ja je nach Zählweise bis zu 12 Millionen Einwohner groß ist, ist aber selbst bei einer so engen Zugtaktung jeden Morgen großes Drängen und Schieben angesagt, wenn man noch in den Waggon will:
Dieses Foto entstand bei unserer Rundreise mit der braunen Linie,
und es ist GAR NICHTS los in dieser Metro!

Solche Weicheier-Ausrüstung wie Lichtschranken oder ähnliches kennen die ehrwürdigen russischen Metrozüge dabei nicht - wenn man Pech hat und im letzten Augenblick durch die Tür springen will, kann es durchaus vorkommen, dass dieselbe unbarmherzig zuknallt... Sie geht bei Widerstand zwar wieder auf, fährt dann aber sofort wieder mit voller Wucht zu - so lange, bis das Bein oder was auch immer ab ist schätzungsweise, ich habe die Türen jedenfalls fürchten gelernt.

Unser süßer kleiner Bahnhof (das große Gebäude im Hintergrund
gehört nicht dazu, das ist ein Wohnhaus).

Nicht weniger Gedränge herrscht jeden Morgen in meinem Zug, wobei ich immer wieder erstaunt bin, wie stark der menschliche Körper bei Bedarf komprimiert werden kann, und das in frühen Morgenstunden!
Da habe ich mir mal ein Herz genommen und habe all die verwirrten
und mitleidigen Blicke ignoriert, die mir entgegengeworfen wurden,
als ich dieses Bild gemacht habe

Mit den lieben Zügen und vor allem den netten Schalterbeamtinnen stehe ich allerdings auf Kriegsfuß... Auch wenn ich mal vergesse, an welchem Bahnsteig denn mein Zug abfährt - es ist mit 100%iger Wahrscheinlichkeit immer gerade nicht der, auf der zuerst ein Zug kommt... Ohne Scheiß, ich fühle mich langsam richtig verarscht, es kommen zum Teil drei Züge in die andere Richtung bevor unserer dann mal angekeucht kommt... Gestern habe ich 45 Minuten auf dem eisigen Bahnsteig warten müssen - ich könnte jetzt sogar auf russisch den Zug verfluchen, aber das darf ich nur, wenn Elke verspricht, dass sie das überliest und niemandem Gewalt antut ;-)

Und heute morgen hat mich schier der Schlag getroffen, weil die Schlange am Schalter wartender Menschen fast bis auf die Straße reichte (Automaten gibts keine) - und die Entscheidung, die ein eilfertig einberufenes Zentralkomitee diensthabender Schalterstubenhexen Schalterbediensteten nach reiflicher Überlegung traf, hatte die Schließung eines der drei Schalter zur Konsequenz... ARGH! Überflüssig zu sagen, dass ich meinen Zug natürlich verpasst habe.

Aber man kann immerhin nicht über den Preis meckern - hin und zurück zahle ich am Tag ca. 45 Rubel für Zug & Metro, umgerechnet sind das 1 - 1,5 Euro... Aber dafür gibt's keine Pendlerpauschale ;-)


Nachtrag in Sachen Souvenirs übrigens: Hier gibt's nur diese super-kitschigen und langweiligen Matroschkas zu kaufen, so was wär doch mal was ;-)

Dienstag, 11. März 2008

Vom großen Virenjäger und seinem Stamm

Heute als allererstes: vielen vielen Dank für euer positives Feedback! Da macht das bloggen gleich nochmal so viel Spaß :)
Ich habe gestern übrigens mal ein bisschen in den Einstellungen gewühlt: man kann jetzt endlich Kommentare abgeben, ohne sich registrieren oder anmelden zu müssen. Ist aber ziemlich gut versteckt, die Option ;-)

Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass der Arbeitstag mal äh sagen wir mal strukturierter wird, wenn unser Chef wieder von der Cebit zurück ist. Aber Vitaliys freudenstrahlendes Gesicht angesichts der Mitbringsel aus dem Duty-Free-Shop hat diese Vorstellung schnell zerplatzen lassen: Wir mussten dann auch gleich erstmal feiern - ich hoffe ich vergesse jetzt keinen Anlass:
  • Die Leute aus der Abteilung haben sich sehr lange (ca. 10 Tage) nicht mehr gesehen, das musste man natürlich feiern
  • Alexey, unser Chef, hatte vor ein paar Monaten Geburtstag
  • Anja hatte letzte Woche Geburtstag - diesbezüglich kann ich mich verschwommen daran erinnern, dass wir ihren Geburtstag schon letzten Dienstag oder Mittwoch zelebriert haben...
  • die letzte Teambuilding-Activity liegt schon relativ lange zurück - keine Ahnung, warum das ein Grund zum Feiern ist ;-)
Jedenfalls mussten sich die Leute von der Cebit erstmal erholen, da sie dort nämlich nur Pils zu trinken bekommen haben - es gibt einige große Weißbier-Fans hier, denen sollte man bei einem Deutschland-Aufenthalt mal den Genuss von leckerem Gutmann ermöglichen (ja, ich bekomme fünf Euro pro Erwähnung des Markennamens in meinem Blog).

Von der Arbeitsmentalität sind die Unterschiede zwischen Kaspersky Moskau und Kaspersky Deutschland meines Erachtens nach ziemlich groß - die Arbeitszeiten hier sind sehr flexibel, es kommt durchaus vor, dass Leute auch erst um 14:00 Uhr ins Office kommen - entsprechend lange bleibt man dann auch, und eine Trennung zwischen Privat- und Arbeitsleben gibt es praktisch nicht - das ist auch etwas, an das ich mich noch gewöhnen muss.

Aber hüben wie drüben nimmt man alles sehr humorvoll und spart auch nicht an Selbstironie ;-)